Balduin der Dachs findet seinen Lieblingsschlafplatz – Silbenwald Einschlafgeschichte
11 Minuten Vorlesezeit
Heute Abend nimmt dich Großmutter Holunder mit in den Silbenwald, wo die Laternen warm leuchten und die Glühwürmchen tanzen. Balduin der Dachs sucht seinen allerliebsten Schlafplatz und trifft dabei seine Waldgefährten Piek den Igel, Fippa das Eichhörnchen, die weise Eule und den Fuchs.

Es war ein ganz besonderer Abend im Silbenwald. Die kleinen Laternen an den Bäumen begannen eine nach der anderen aufzuleuchten, ganz sachte, ganz warm, wie goldene Tropfen Honig im Dunkel. Zarte Nebelschwaden zogen zwischen den Wurzeln hindurch, und die Glühwürmchen tanzten ihre erste Runde für heute Nacht. Mittendrin stand Balduin der Dachs und gähnte so herzhaft, dass sein ganzer runder Bauch dabei wackelte. Balduin rieb sich die Augen unter seinem kleinen grünen Schlafmützchen. Es war Zeit zum Schlafen. Aber wo nur, wo sollte Balduin heute Nacht seinen allerliebsten Schlafplatz finden?

Balduin der Dachs schlurfte den kleinen Pfad entlang, dessen Moos sich weich unter seinen Pfoten anfühlte. Eigentlich hatte Balduin immer den großen Wurzelbogen seines alten Baumes als Schlafplatz gehabt. Doch als Balduin heute ankam, saß dort schon jemand anderes. Piek der Igel hatte sich dort zusammengerollt, alle Stacheln eingezogen, und schnarchte bereits leise und zufrieden. Balduin blieb stehen und lächelte. Piek sah so wohlig aus, so friedlich. Balduin wollte Piek auf gar keinen Fall wecken. Also zog der Dachs seine braune Schärpe etwas fester und schaute sich im Silbenwald nach einem anderen Platz um.

Balduin wanderte weiter, tiefer in den Silbenwald hinein. Die Laternen summten ein ganz leises Lied, und die Glühwürmchen folgten Balduin wie ein kleiner Schweif aus Lichtern. Dann sah Balduin die alte Birke mit der Baumhöhle hoch oben. Vielleicht war dort ein schöner Platz? Balduin versuchte zu klettern, aber seine kleinen Dachspfoten rutschten am glatten Holz immer wieder ab. Aus der Höhle oben schaute plötzlich ein schläfriges Gesicht heraus. Es war Fippa das Eichhörnchen, das rot-braunes Fell zerzaust vom Halbschlaf. Fippa blinzelte Balduin an und flüsterte: "Balduin, was machst du denn da unten?"

Balduin erklärte Fippa dem Eichhörnchen sein Problem. Fippa hörte aufmerksam zu, obwohl Fippa vor Müdigkeit mehrmals kurz die Augen schloss. "Du könntest bei mir schlafen, Balduin", flüsterte Fippa freundlich. "Aber ich glaube, du passt nicht so ganz hier hinein." Fippa zeigte in die kleine, runde Baumhöhle, und beide mussten kichern, denn die Höhle war wirklich sehr schmal. Balduin war ein guter, runder Dachs, und er würde dort niemals hineinpassen. "Danke, Fippa", flüsterte Balduin. "Schlaf gut in deiner schönen Höhle." Fippa winkte und verschwand wieder im Dunkel der Birke. Balduin wanderte weiter, die Glühwürmchen noch immer an seiner Seite.

Weiter vorne im Silbenwald rauschte der kleine Bach ganz leise. Neben dem Bach lagen zwei große, runde Steine, bedeckt mit grünem Moos, weich wie ein Kissen. Balduin legte sich probeweise zwischen die Steine. Das Moos war wirklich wunderbar weich. Aber dann hörte Balduin das Wasser. Plitsch, platsch, plitsch, platsch, immer und immer wieder. So schön das Geräusch tagsüber war, jetzt in der Nacht ließ es Balduin nicht einschlafen. Der Dachs lag da, die Ohren gespitzt, und lauschte. Nein, dieser Platz war schön, aber doch nicht der richtige. Balduin stand wieder auf und zog die Schlafmütze gerade. Die Suche ging weiter.

Plötzlich hörte Balduin ein leises Knistern in den Ästen über ihm. Auf dem höchsten Ast der alten Eiche saß die Eule des Silbenwaldes. Die Eule hatte große, goldene Augen und schaute alles ruhig und weise an. "Balduin", rief die Eule mit ihrer tiefen, samtigen Stimme, "du suchst deinen Schlafplatz." Balduin nickte und seufzte. "Ich habe überall gesucht, aber ich finde ihn nicht." Die Eule blinzelte langsam. "Manchmal", sagte die Eule, "findet man das, was man sucht, nicht weiter vorne, sondern ganz nah." Balduin kratzte sich nachdenklich am Ohr. Was meinte die Eule damit wohl? Der Dachs dachte nach, während die Glühwürmchen um ihn herum tanzten.

Auf dem Weg zurück begegnete Balduin noch dem Fuchs. Der Fuchs hatte sein rotes Fell glattgestrichen und schlenderte gemächlich durch den Silbenwald. "Hast du einen guten Schlafplatz gefunden, Balduin?", fragte der Fuchs neugierig. Balduin schüttelte den Kopf. "Noch nicht", gähnte Balduin wieder, diesmal noch tiefer als zuvor. Der Fuchs lachte leise. "Bei mir ist es übrigens auch kein Platz für einen Dachs", sagte der Fuchs gutmütig, "aber ich glaube, du weißt eigentlich, wo dein Platz ist. Du warst nur noch nicht lang genug ruhig, um dich zu erinnern." Balduin dachte nach. Ruhig sein. Erinnern. Langsam schlossen sich Balduins Augen halb.

Balduin blieb einfach stehen. Ganz still. Er atmete einmal tief ein. Der Silbenwald roch nach feuchtem Moos, nach Holunder und nach etwas Warmem, das Balduin gut kannte. Und dann erinnerte sich Balduin. Ganz am Anfang des Waldes, dort wo der alte Holunderbaum stand, dort wo die Laternen besonders warm leuchteten und der Nebel besonders sanft war, dort gab es eine Mulde im weichen Erdboden. Eine Mulde, so rund wie Balduin selbst, umgeben von weichem Laub. Balduin öffnete die Augen und lächelte. Natürlich. Das war Balduins Lieblingsschlafplatz. Wie hatte Balduin den nur vergessen können? Der Dachs drehte sich um und trottete leise zurück.

Und da war sie. Die runde, weiche Mulde unter dem alten Holunderbaum. Das Laub war trocken und duftete süßlich. Die nächste Laterne hing genau über dieser Stelle und warf einen goldenen Schein darauf, so warm wie eine Umarmung. Balduin legte sich hinein, ganz langsam, ganz behutsam. Die Mulde passte so perfekt zu Balduin, als wäre sie nur für ihn gemacht. Und das stimmte ja auch. Balduin zog seinen braunen Schal ein bisschen höher, bis zu den Ohren. Dann schloss der Dachs die Augen. Die Glühwürmchen setzten sich wie kleine Sternchen rings um Balduin herum ins Laub. Alles war ganz, ganz ruhig.

Der Silbenwald atmete. Die Laternen leuchteten ganz leise. Der Nebel legte sich sanft über die Wurzeln und über das Laub und über Balduin den Dachs. Ganz weit weg rief die Eule einmal, ganz tief und ganz ruhig. Piek der Igel schlief. Fippa das Eichhörnchen schlief. Der Fuchs schlief. Und Balduin der Dachs schlief auch. Schlief so fest und so tief und so warm, wie man nur schlafen kann, wenn man seinen allerbesten Lieblingsplatz gefunden hat. Und die Glühwürmchen leuchteten die ganze Nacht, ganz sanft, ganz still, damit Balduin schöne Träume hatte. Genauso wie du jetzt.
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