Balduin und das Lied der Glühwürmchen – Einschlafgeschichte aus dem Silbenwald
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Balduin der Dachs kann heute Nacht nicht einschlafen — das Lied der Glühwürmchen klingt anders als sonst. Mit seiner kleinen goldenen Laterne folgt er dem Leuchten durch den Silbenwald, trifft Mira die Eule und Theo den Igel, und entdeckt schließlich ein wunderschönes Geheimnis auf einer mondhellen Lichtung.

Es war einer jener Abende im Silbenwald, an denen der Nebel ganz sachte zwischen den Bäumen schwebte, so weich wie Watte. An jedem Ast hingen kleine warme Laternen und warfen goldenes Licht auf die moosigen Pfade. Balduin der Dachs lag in seinem gemütlichen Bau, die Decke bis unters Kinn gezogen, und wartete auf den Schlaf. Aber der Schlaf wollte nicht kommen. Denn da war dieses Lied. Es klang anders als sonst. Die Glühwürmchen draussen summten und blinkten in einem Muster, das Balduin noch nie gehört hatte — zart, ein bisschen holprig, und doch wunderschön.

Balduin setzte sich auf. Er lauschte noch einmal ganz genau. Ja, da war es wieder — ein leises Summen, das beinahe wie ein Schlaflied klang, aber mit kleinen Holperstellen darin, als ob jemand den Text noch nicht ganz auswendig wusste. Balduin konnte nicht liegenbleiben. Er warf sich seinen warmen Mantel um die Schultern, griff nach seiner kleinen goldenen Laterne und trat hinaus in den Silbenwald. Der Nebel legte sich sanft um seine Pfoten. Die Baumlanternen leuchteten warm und freundlich. Und irgendwo da vorne, zwischen den Farnen, blinkten viele kleine Lichter.

Balduin folgte dem Leuchten den kleinen Waldpfad entlang, seine Laterne wippte sanft in seiner Pfote. Da hörte er ein Rascheln im Gebuesch. Zwei grosse runde Augen blinzelten ihn an. Es war Mira, die kleine Eule. Mira sass auf einem moosbedeckten Stein und drehte den Kopf zur Seite. Guten Abend, Balduin, fluesterte Mira. Hast du das Lied auch gehört? Ich wollte schlafen, aber die Melodie laesst mich nicht los. Balduin nickte und laechelte. Dann komm doch mit, sagte er leise, vielleicht finden wir zusammen heraus, was es bedeutet.

Balduin und Mira gingen gemeinsam tiefer in den Silbenwald hinein. Der Nebel wurde ein bisschen dichter, und die Baumlanternen leuchteten in warmem Orange und Goldgelb. Dann hörten sie ein leises Schnaufen. Am Fuss einer grossen alten Buche sass Theo, der junge Igel, und hatte die Nasenspitze ganz nah an ein winziges blinkendes Licht herangestreckt. Schau mal, fluesterte Theo, ohne sich umzudrehen, die Glühwürmchen machen heute etwas anderes. Sie singen beinahe. Balduin kniete sich neben Theo und beobachtete das Blinklichter-Muster. Du hast recht, sagte Balduin sanft. Das ist kein gewoehnliches Leuchten.

Die drei Freunde folgten dem Lied nun gemeinsam, ganz leise, Schritt für Schritt. Der Pfad fuehrte sie in eine kleine Lichtung, die Balduin gut kannte. Aber heute Nacht sah die Lichtung anders aus als sonst. Hunderte von Glühwürmchen schwebten dort in der Luft, und ihre Lichter blinkten in einem grossen, sanften Kreis. In der Mitte des Kreises schwebte noch kein Licht. Da war eine Luecke. Die Glühwürmchen summten und blinkten und summten wieder, immer das gleiche kurze Lied. Balduin, Mira und Theo standen am Rand der Lichtung und wagten kaum zu atmen, so schoen war es.

Dann sah Balduin es. Ganz unten, auf einem grossen Blatt in der Mitte der Lichtung, sass ein winzig kleines Glühwürmchen. Es war so klein, dass sein Licht noch kaum leuchtete — nur ein ganz zartes, zaghaftes Glimmen, mal an, mal aus. Das kleine Glühwürmchen sah sich um, ein bisschen aengstlich, ein bisschen staunend. Und alle grossen Glühwürmchen ringsum sangen und blinkten ihr Lied — für dieses eine, neue, kleine Licht. Balduin spuerte, wie sein Herz ganz warm wurde. Er verstand jetzt alles. Die Glühwürmchen uebten ein Schlaflied. Fuer ihr allerkleinsten neues Mitglied.

Balduin stellte seine Laterne ganz leise auf den Boden. Dann schloss er die Augen und horchte auf die Melodie der Glühwürmchen. Nach einem Moment begann er leise mitzusummen. Hmm, hmm, hmm. Mira schloss ebenfalls die Augen und summte mit ihrer sanften Eulenstimme. Theo wiegte sich ein bisschen hin und her. Die Melodie war so einfach und so schoen, dass sie sich sofort anfuehlte wie etwas, das man schon immer gekannt hatte. Das kleine Glühwürmchen auf dem Blatt blinzelte. Sein Lichtlein wurde ein kleines bisschen heller. Dann wurde es noch einmal heller. Und schließlich begann es, ganz sachte und muede, mit den anderen mitzublinken.

Und so summte der ganze Silbenwald. Die Baumlanternen schaukelten leise im Nachtwind. Der Nebel legte sich wie eine weiche Decke über die Lichtung. Das kleine Glühwürmchen blinzelte einmal, zweimal — und schloss dann seine winzigen Auegel. Sein Licht brannte ruhig und gleichmaessig weiter, ein kleines goldenes Sternlein auf dem grossen Blatt. Rund um die Lichtung begannen die Bäume leise zu seufzen, so wie alte Bäume das tun, wenn sie zufrieden sind. Balduin summte noch ein letztes Mal die Melodie und spuerzte, wie die Muedigkeit ganz sanft in seine Pfoten und in seine Schultern sank.

Balduin hob seine kleine goldene Laterne auf, so langsam und behutsam, damit er die Stille nicht stoerte. Mira flog ganz lautlos zu ihrem Ast. Theo rollte sich auf dem weichen Moos zusammen. Und Balduin ging den Pfad zurueck, an den warmen Baumlanternen vorbei, durch den sanften Nebel, bis er seinen kleinen runden Eingang sah. Er haengte die Laterne an den Haken neben der Tuer. Dann legte er sich in sein Bett, zog die Decke bis unters Kinn und schloss die Auegen. Draussen summten die Glühwürmchen noch ganz leise weiter. Hmm, hmm, hmm.

Und der ganze Silbenwald schlief ein. Die Laternen brannten still. Der Nebel ruhte. Die Glühwürmchen leuchteten, ganz sanft, ganz ruhig, ganz nah. Und irgendwo, tief in der Erde, schlief Balduin der Dachs und laechelte im Traum.
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