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Die Sterntaler – Märchen der Brüder Grimm

12 Minuten Vorlesezeit

Ein kleines Mädchen, das alles verschenkt, was es hat — und am Ende mehr bekommt, als es sich je hätte träumen lassen. Die Sterntaler ist eines der schönsten und tröstlichsten Märchen überhaupt, und Großmutter Holunder erzählt es dir heute Abend ganz ruhig und warm.

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Es war einmal ein kleines Mädchen, das lebte ganz allein auf der Welt. Sein Vater und seine Mutter waren gestorben, und das Mädchen hatte kein Zuhause mehr, kein Bett zum Schlafen und kaum etwas zu essen. Nur die Kleider auf seinem Leib trug es bei sich, und in der Tasche hatte es noch ein einziges kleines Stück Brot. Aber es war kein trauriges Kind, nein. Es glaubte fest daran, dass die Welt gut ist, wenn man selbst gut ist. Und so machte es sich mutig auf den Weg, hinaus in die weite Welt, ohne zu wissen, wohin der Weg es führen würde.

Das Mädchen lief durch einen stillen Wald, und die Blätter raschelten leise im Wind, als würden sie ihr zuflüstern: Geh nur, geh nur, wir passen auf dich auf. Nach einer Weile begegnete ihm ein armer alter Mann. Er stand am Wegrand und sah so erschöpft aus, so hungrig, dass das Herz des Mädchens ganz schwer wurde. Es schaute auf sein Brot, das kleine Stückchen, das es noch hatte. Und dann reichte es ihm das Brot mit beiden Händen und sagte: Hier, nimm es, ich wünsche dir, dass du satt wirst. Der alte Mann dankte ihr leise, und das Mädchen ging weiter, ohne selbst etwas gegessen zu haben.

Weiter und weiter lief das Mädchen, und die Luft wurde kühler, denn der Abend nahte. Da saß am Straßenrand ein kleines Kind und weinte bitterlich. Es hatte keinen Hut auf dem Kopf und fror in der kühlen Abendluft. Das Mädchen hielt inne und sah das Kind lange an. Dann nahm es seine eigene kleine Mütze vom Kopf und setzte sie dem Kind auf. Die Mütze war warm und weich, und das kleine Kind hörte sofort auf zu weinen. Es lächelte, und das war für das Mädchen schöner als jedes Dankeschön der Welt. Mit bloßem Kopf lief es weiter in den hereinbrechenden Abend hinein.

Die Nacht kam nun wirklich, und es war kalt geworden. Der Mond stand groß und rund am Himmel, und die ersten Sterne funkelten. Das Mädchen lief durch eine stille Lichtung, als es wieder ein Kind traf, das bibbernd dastand. Das Kind hatte kein Jäckchen an und zitterte so sehr, dass seine Zähne klapperten. Das Mädchen zögerte keinen Atemzug lang. Es zog sein eigenes Jäckchen aus, das dünne, warme Jäckchen, das es noch hatte, und legte es dem frierenden Kind um die Schultern. Nun war es selbst noch kälter, aber in seiner Brust war eine Wärme, die kein Wind der Welt ausblasen konnte.

Das Mädchen lief weiter, tiefer in den Wald hinein, und der Wind strich leise durch die Äste. Da begegnete ihm noch ein Kind, das kein Kleid anhatte und vor Kälte ganz still und blass dastand. Das Mädchen schaute an sich herunter. Es trug nur noch sein einfaches Leinenkleidchen, das allereinfachste, das man sich denken kann. Aber es dachte: Es ist dunkel, niemand sieht mich, und dieses Kind friert so sehr. Und so zog es auch sein Kleid aus und gab es weg. Es stand nun fast ganz allein in der dunklen Nacht, ohne Mütze, ohne Jäckchen, ohne Kleid. Aber es hatte kein einziges Mal an sich selbst gedacht, sondern immer nur an die anderen.

Nun stand das Mädchen ganz allein in der Nacht. Der Wald war still, und die Bäume standen wie dunkle, freundliche Riesen um es herum. Das Mädchen schaute zum Himmel hinauf. Oh, wie wunderschön der Himmel war! So viele Sterne, so unendlich viele kleine Lichter, dass man gar nicht wusste, wo man zuerst hinschauen sollte. Das Mädchen hatte nichts mehr, rein gar nichts. Aber es war nicht traurig. Es stand einfach da, mit kleinen bloßen Füßen auf dem kühlen Waldboden, und schaute hinauf in diesen großen, funkelnden Himmel. Und plötzlich begann etwas sehr Merkwürdiges und sehr Wunderbares zu geschehen.

Ein Stern nach dem anderen löste sich vom Himmel. Ganz sachte, wie Schneeflocken im Winter, kamen sie herabgeflattert, einer nach dem anderen, und wo sie die Erde berührten, da klingelten sie leise. Kling, kling, kling. Das Mädchen streckte seine kleinen Hände aus und staunte. Die Sterne verwandelten sich in Taler, in wunderschöne, glänzende Silbertaler, die auf den Boden fielen wie ein leiser, silberner Regen. Das Mädchen konnte es kaum glauben. Es schaute auf seine Hände, es schaute auf den Boden, es schaute zum Himmel. Und der Himmel schickte immer mehr, immer mehr, ein ganzes Leuchten aus Sternen und Talern.

Die Taler lagen nun überall um das Mädchen herum, auf dem weichen Moos, zwischen den Baumwurzeln, auf den stillen Blättern. Sie glänzten so hell, dass der ganze Wald davon erleuchtet war, warm und golden wie eine große Laterne. Und da, ganz plötzlich, bemerkte das Mädchen, dass es auch ein neues Kleid trug, ein feines, weiches Kleid, das sich angefühlt hatte wie nichts, wie ein Sommerwind. Es wusste nicht, woher es kam. Vielleicht hatte der Himmel es mitgeschickt, als Dankeschön für sein gutes Herz. Das Mädchen streckte sich und lachte leise, ein kleines, glückliches Lachen, das durch den stillen Wald hallte.

Das Mädchen sammelte die Taler in ihrem neuen Kleid auf, ganz behutsam, einen nach dem anderen. Es hatte nun so viele, dass es für den Rest seines Lebens gut leben konnte, ohne Hunger und ohne Kälte. Es würde sich ein kleines Zuhause suchen, vielleicht am Rand des Waldes, wo die Glühwürmchen abends leuchten und die Vögel morgens singen. Und es würde teilen, das wusste es. Es würde immer teilen, denn das war es, was sein Herz am leichtesten und wärmsten machte. Die Sterne am Himmel funkelten noch ein letztes Mal besonders hell, als wollten sie sagen: Ja, genau so ist es richtig.

Und so lebte das kleine Mädchen von nun an gut und glücklich. Es hatte ein warmes Dach über dem Kopf, genug zu essen, und ein Herz, das immer noch genauso weit und großzügig war wie in jener Nacht, als die Sterne für es geregnet hatten. Manchmal, wenn es abends den Himmel anschaute, lächelte es leise. Denn es wusste: Wenn du gibst, was du hast, kommt die Güte auf stillen Wegen zu dir zurück. Das ist das Geheimnis der Sterntaler. Und jetzt schließ auch du deine Augen, mein Kind. Der Mond schaut auf dich herab, und die Sterne halten Wacht. Schlaf gut, du liebes, kleines Herz.

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