Balduin entdeckt den tiefen Wurzelgang
12 Minuten Vorlesezeit
Balduin der Dachs macht heute eine ganz besondere Entdeckung: Zwischen zwei alten Wurzeln im Silbenwald verbirgt sich ein geheimer Gang, der tief in die Erde führt – erleuchtet von schlafenden Glühwürmchen und erfüllt von einer Stille, die wärmer ist als jede Decke.

Es war ein ruhiger Morgen im Silbenwald. Die warmen Laternen an den alten Eichen leuchteten noch in ihrem sanften Goldschein, obwohl die Sonne schon langsam durch das Blätterdach kletterte. Ein leiser Nebel lag auf dem Moosteppich und kräuselte sich um die dicken Baumwurzeln. Balduin der Dachs stand vor seinem kleinen Eingang in der Erdhügelwand und streckte sich genüsslich. Er gähnte einmal, zweimal, und schnupperte dann tief die frische Waldluft. Irgendwie roch es heute anders – ein bisschen nach feuchter Erde, ein bisschen nach altem Holz und einem Hauch von etwas Unbekanntem, das Balduin noch nie gerochen hatte.

Balduin tappte neugierig ein paar Schritte den Hügel hinunter. Zwischen zwei besonders dicken Wurzeln, die sich wie verschlungene Arme in den Boden drückten, sah Balduin etwas, das er vorher noch nie bemerkt hatte. Dort, zwischen den Wurzeln, klaffte eine dunkle Öffnung – nicht groß, aber genau richtig für einen kleinen Dachs. Balduin kniete sich hin und spitzte die Nase. Ein kühler Luftzug strömte ihm entgegen, ganz sanft, wie ein leiser Atemzug aus der Erde. Balduin blinzelte. Dann flüsterte er leise zu sich selbst: "Das ist ja ein richtiger Gang! Ein tiefer Wurzelgang!" Sein Herz klopfte aufgeregt, aber nicht ängstlich – eher so, wie wenn man ein vergessenes Bonbon in der Westentasche findet.

Gerade als Balduin überlegte, ob er hineingehen sollte, raschelte es laut über ihm. Fippa das Eichhörnchen kam in einem einzigen großen Satz von einem Ast heruntergeflitzt und landete mit einem sanften Plumps neben Balduin auf dem Moos. Fippas buschiger Schwanz wackelte fröhlich hin und her. "Balduin, was guckst du denn da so genau an?" piepste Fippa und streckte neugierig die rote Nase vor. Balduin deutete auf die Öffnung zwischen den Wurzeln. "Ich glaube, das ist ein ganz alter, geheimer Wurzelgang, Fippa", sagte Balduin. Fippa riss die Augen weit auf. "Oh! Ein Geheimgang! Darf ich mitkommen?" Balduin nickte und lächelte. "Natürlich – aber wir gehen langsam und passen gut aufeinander auf."

Balduin kroch als Erster in den Wurzelgang hinein. Fippa folgte dicht hinter ihm. Der Gang war wunderbar weich – die Wände aus Erde und Wurzeln fühlten sich glatt und warm an. Und dann bemerkten sie etwas Herrliches: Überall in den Wurzeln steckten winzige Glühwürmchen, die ruhig und gleichmäßig ihr zartes grünes Licht schimmern ließen. Es sah aus wie ein Sternenhimmel, der sich in die Erde gegraben hatte. Balduin hielt inne und schaute sich staunend um. "Fippa", flüsterte Balduin ehrfürchtig, "ich glaube, die Glühwürmchen schlafen hier tagsüber und leuchten dabei einfach weiter." Fippa nickte langsam und flüsterte zurück: "Das ist das Schönste, was ich je gesehen habe."

Der Gang wurde breiter und führte in eine kleine runde Kammer. Mitten in der Kammer saß Piek der Igel auf einem runden Stein und schlummerte leise vor sich hin. Pieks Stacheln hoben und senkten sich gleichmäßig. Vor Piek standen drei kleine Tontöpfchen, aus denen zarte Dampfwölkchen stiegen, die wunderbar nach Kräutern rochen. Balduin tappte ganz leise auf Zehenspitzen näher. "Piek kennt diesen Ort also schon", flüsterte Balduin zu Fippa. Fippa bedeckte den Mund mit den Pfoten und kicherte fast lautlos. Dann kuschelte sich Fippa auf ein kleines Moosbett in der Ecke, denn es war so gemütlich hier, dass die Augen von selbst schwer wurden.

Balduin setzte sich vorsichtig neben Piek und schaute sich die drei Tontöpfchen genauer an. In einem Töpfchen lagen getrocknete Blätter, im zweiten kleine runde Beeren und im dritten nur ein einziger glatter Kieselstein. Balduin wunderte sich. Was mochte das bedeuten? Gerade da erwachte Piek langsam. Piek blinzelte einmal, zweimal, und schaute dann Balduin mit seinen kleinen dunklen Augen an. "Ah, Balduin", sagte Piek mit schläfriger Stimme. "Du hast also meinen Ruheplatz gefunden." Balduin nickte entschuldigend. "Tut mir leid, Piek – wir wollten dich nicht stören." Piek schüttelte freundlich die Stacheln. "Störung? Nein, nein. Ich freue mich über Besuch. Hier unten ist es gut für ruhige Gedanken."

Piek erklärte Balduin ganz ruhig und in langsamen Worten, was es mit den drei Töpfchen auf sich hatte. Das Töpfchen mit den Blättern erinnerte Piek an den Frühling, das mit den Beeren an den Sommer und der Kieselstein stand für den ruhigen Winter. "Wenn ich hier sitze und auf die Töpfchen schaue", sagte Piek, "dann denke ich an alle schönen Dinge, die waren und noch kommen werden. Und dann wird alles ganz ruhig in mir." Balduin horchte still und merkte, wie seine eigene Brust ganz weit und warm wurde. Fippa hatte inzwischen die Augen geschlossen und schlief auf dem Moosbett, der buschige Schwanz ringsum gerollt wie eine kuschelige Decke.

Nach einer Weile verabschiedete sich Balduin leise von Piek und tappte zurück durch den leuchtenden Wurzelgang nach draußen. Die Sonne stand nun höher, aber der Silbenwald war immer noch ruhig und still. Balduin setzte sich auf einen großen moosbedeckten Stein und schaute in die Baumwipfel. Dort oben saß die Eule auf einem dicken Ast und schaute mit ihren großen goldenen Augen ruhig auf Balduin herab. "Ich sehe, du hast den alten Wurzelgang gefunden", sagte die Eule mit ihrer tiefen, sanften Stimme. Balduin nickte. "Ich wusste gar nicht, dass er existiert." Die Eule lächelte. "Manche Dinge findet man erst dann, wenn man bereit ist, genau hinzuschauen."

Plötzlich raschelte es in den Farnen, und der Fuchs kam lautlos aus dem Schatten geschlichen. Der Fuchs hatte ein warmes rotes Fell und eine weiße Schwanzspitze und schaute Balduin mit neugierigen Bernsteinaugen an. "Ich habe gehört, dass du den Wurzelgang entdeckt hast, Balduin", sagte der Fuchs. "Wie ist es dort unten?" Balduin dachte einen Moment nach, bevor er antwortete. "Es ist still und warm, und die Glühwürmchen leuchten, und Piek hat drei Töpfchen, die ihn an die Jahreszeiten erinnern." Der Fuchs setzte sich neben Balduin auf den Stein. "Das klingt wunderbar ruhig", sagte der Fuchs leise. "Ich glaube, ich besuche Piek bald auch einmal." Die beiden saßen eine Weile Seite an Seite und lauschten dem Rauschen der Blätter.

Als der Nachmittag ganz sanft in den frühen Abend glitt, kehrte Balduin zurück zu seinem Erdhügel. Die Laternen an den Bäumen des Silbenwaldes begannen wieder ein wenig heller zu leuchten. Balduin schaute noch einmal zu den Wurzeln hinüber, hinter denen der geheimnisvolle Gang lag. Er lächelte. Es war ein ganz besonderer Tag gewesen – kein aufregender, lauter Tag, sondern ein Tag voller kleiner, warmer Entdeckungen. Balduin kroch in seine gemütliche Höhle, rollte sich auf seinem weichen Laubbett zusammen und schloss die Augen. Die Glühwürmchen draußen flüsterten ihr leises Licht durch die Erde, und Balduin dachte: Manchmal muss man nur genau hinschauen, und der Silbenwald zeigt einem etwas Wunderbares.
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