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Balduin träumt vom Honigduft

12 Minuten Vorlesezeit

Balduin der Dachs liegt in seinem warmen Bau im Silbenwald – und kurz bevor er einschläft, erreicht ihn ein Duft: warm, süß und goldgelb wie Sommer. In dieser ruhigen Einschlafgeschichte begleiten wir Balduin auf eine Traumreise in den schönsten Sommertag, den er je erlebt hat.

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Im Silbenwald hingen die Laternen schon etwas tiefer als sonst, als wäre auch der Wald ein bisschen müde. Sanfter Nebel zog zwischen den alten Eichen hindurch, und die Glühwürmchen tanzten in langen, goldenen Schleifen durch die Abendluft. Mittendrin lag Balduin der Dachs in seinem runden Bau, eingerollt auf seinem weichen Moospolster. Die Augen hatte er schon fast zugekniffen, und sein Bauch hob und senkte sich ganz gleichmäßig. Doch bevor der Schlaf ihn ganz holte, zuckte Balduins kleine schwarze Nase. Einmal. Zweimal. Er schnupperte tief durch den Bau – und lächelte dabei so breit, dass man alle seine Schnurrhaare zittern sehen konnte.

Draußen vor Balduins Bau rauschte der Silbenwald ganz leise. Die Laternen an den Baumstämmen warfen goldene Kreise auf den Waldboden, und irgendwo hoch oben in einer alten Fichte rief die Eule zweimal – ganz sanft, fast wie ein Gutenachtruf. Balduin hörte es noch halb im Halbschlaf und dachte: Ja, ja, gleich schlafe ich auch. Aber dann wehte es wieder durch die kleinen Ritzen seiner Bauholztür. Ein Duft. Warm und süß und irgendwie golden. Honig. Ganz eindeutig Honig. Und plötzlich war Balduin gar nicht mehr schläfrig, sondern mitten in einer Erinnerung – mitten im schönsten Sommer, den er je erlebt hatte.

In Balduins Traum war es Hochsommer im Silbenwald. Die Sonne schien warm durch die Blätter und malte tanzende Flecken auf den Boden. Balduin stand auf einer Lichtung voller gelber Wildblumen und hielt eine große Honigwabe in beiden Pfoten. Der Duft war so stark und so süß, dass man ihn fast sehen konnte – golden und schimmernd wie die Glühwürmchen in der Nacht. Balduin schloss die Augen und atmete tief durch seine runde Nase. Er summte dabei ganz leise vor sich hin, einen kleinen Honig-Summton, den er sich selbst ausgedacht hatte. Aus den hohen Gräsern am Rand der Lichtung lugte ein kleines, zotteliges Gesicht hervor. Piek der Igel.

Piek der Igel tappte auf seinen kurzen Beinchen aus dem Gras hervor und schnupperte genauso neugierig wie Balduin. Seine kleinen schwarzen Augen glitzerten. 'Balduin', sagte Piek mit seiner piepsigen Stimme, 'das riecht nach dem allerbesten Honig vom großen Lindenbaum!' Balduin nickte feierlich. 'Ganz genau, lieber Piek. Vom großen Lindenbaum, gleich beim Glühwürmchenpfad.' Piek setzte sich neben Balduin ins Gras, und die beiden schwiegen eine Weile einträchtig und genossen den Duft. Im Traum war alles ein bisschen langsamer und ein bisschen wärmer als sonst. Sogar die Bienen summten gemächlicher, und ihre Flügel warfen winzige Regenbogen in die Luft. Balduin seufzte glücklich und drückte die Honigwabe etwas fester.

Dann hörten Balduin und Piek von oben ein vertrautes Knistern und Rascheln. Fippa das Eichhörnchen kam in langen Sprüngen durch die Äste geschossen, ihr buschiger Schwanz leuchtete rotbraun in der Sommersonne. 'Balduin! Piek! Ich hab euch gesucht!', rief Fippa und landete mit einem behenden Satz im Gras neben den beiden. 'Ich habe vom großen Lindenbaum etwas sehr Wichtiges mitgebracht!' Aus ihrer kleinen Bauchtasche, die sie immer bei sich trug, zog Fippa ein Stück Honigwabe, noch tropfend und goldgelb. Sie legte es auf ein großes Eichenblatt wie auf einen Teller. Balduin, Piek und Fippa saßen nun zu dritt auf der Sommerwiese, und der Honigduft hüllte sie alle zusammen ein wie eine warme Decke.

Im Traum aßen Balduin, Piek und Fippa ganz langsam und andächtig. Jeder Bissen war süß und warm und roch nach Linde und Sommer und Silbenwald. Balduin leckte sich die Pfoten und summte wieder seinen kleinen Honig-Summton. Fippa wippte dazu mit dem Schwanz. Piek machte die Augen zu und kaute sehr, sehr bedächtig, als wollte er den Geschmack für immer festhalten. Irgendwo über ihnen zogen weiße Wolken gemächlich durch das Blau. Eine Wolke sah aus wie ein Pilz, eine andere wie ein Moospolster. Balduin schaute hinauf und dachte: So muss es aussehen, wenn Wolken schlafen. Und dieser Gedanke war so schön, dass er selbst noch ein kleines bisschen schläfriger wurde.

Nach einer Weile schlenderte aus dem Schatten der Bäume ein dritter Gefährte auf die Lichtung – der Fuchs, mit seinem samtenen rotbraunen Fell und dem weißen Schwanzende. Er trug nichts bei sich, aber er schnupperte neugierig in die Luft. 'Ich dachte schon, ich träume', sagte der Fuchs mit seiner tiefen, ruhigen Stimme. 'Aber nein – das ist echter Honigduft.' Er ließ sich im Gras nieder, etwas abseits, wie Füchse es manchmal tun, wenn sie eigentlich doch gerne dazugehören. Balduin brach ein kleines Stück Wabe ab und reichte es herüber. Der Fuchs nahm es behutsam und nickte. Keine weiteren Worte brauchte es. Der Silbenwald hielt diesen Sommernachmittag ganz still für sie alle.

Langsam, ganz langsam begann die Traumsonne tiefer zu sinken. Das Licht wurde von goldgelb zu warmem Orange, und lange Schatten legten sich über die Sommerwiese. Die Blumen schlossen ihre Köpfe ein kleines bisschen. Fippa gähnte – ein großes, geschwungenes Eichhörnchenmaul voller kleiner Zähne. Piek kugelte sich ein paar Zentimeter zur Seite und wurde dabei noch runder, als er es ohnehin schon war. Der Fuchs legte seinen langen Kopf auf die Pfoten. Und Balduin – Balduin legte die leere Honigwabe behutsam ins Gras, wie man etwas Kostbares absetzt. Dann lehnte er sich zurück. Der Duft war noch da, ganz zart jetzt, wie ein Versprechen. Balduin atmete ihn tief ein.

Im Silbenwald wurde es nun wirklich Nacht – die echte Nacht, draußen vor Balduins Bau. Die Laternen an den Bäumen leuchteten warm und stetig. Die Glühwürmchen zogen ihre stillen, goldenen Bahnen durch den Nebel. Und tief in seinem Bau, auf seinem weichen Moospolster, lag Balduin und lächelte im Schlaf. Sein kleiner Atem ging gleichmäßig – ein und aus, ein und aus. Die Honigwabe im Traum war weg, aber der Duft war geblieben, irgendwo ganz tief in Balduins Herz, wo die schönen Dinge wohnen. Die Eule hoch oben in der Fichte hörte Balduins leises Schnarchen und nickte zufrieden. Alles war gut im Silbenwald.

Und vielleicht – vielleicht riecht auch dein Kissen heute Nacht ein ganz kleines bisschen nach Sommer. Nach Linde und Honig und warmem Gras. Schließ einfach die Augen und schnuppere. Der Silbenwald ist nicht weit. Balduin schläft. Fippa schläft. Piek schläft. Der Fuchs schläft. Die Eule wacht ganz leise. Und die Glühwürmchen tanzen noch – ganz langsam, ganz still – und malen goldene Träume in die Luft. Du kannst jetzt auch schlafen. Der Silbenwald hält dich fest. Ganz sanft. Ganz warm. Ganz sicher. Schlaf gut.

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