Däumelinchen – Silbenwald Märchen zum Einschlafen (Andersen, liebevoll erzählt)
12 Minuten Vorlesezeit
In dieser sanften Einschlafgeschichte aus dem Silbenwald erzählt Der Laternenwächter das Märchen von Däumelinchen — liebevoll und behutsam, ohne Angst, nur mit Wärme und Geborgenheit. Ein Mädchen, kaum so groß wie ein Daumen, erlebt eine große Reise und findet am Ende genau den Ort, an den sie gehört.

Es war einmal eine Frau, die sich von Herzen ein kleines Kind wünschte. Sie wünschte sich das so sehr, dass sie jeden Abend leise in den Sternenhimmel flüsterte: Bitte, bitte schick mir ein Kind, egal wie klein es auch sein mag. Und eines Morgens fand sie vor ihrer Tür eine winzige Blumenknospe, so zart wie ein Hauch. Die Frau legte die Knospe behutsam in einen kleinen Topf und goss sie mit warmem Wasser. Sie wartete. Und dann, ganz langsam, öffnete sich die Knospe — und in ihrer Mitte saß ein winziges Mädchen, kaum so groß wie ein Daumen. Die Frau lachte vor Freude und nannte das Mädchen Däumelinchen.

Däumelinchen wuchs auf wie ein kleines Wunder. Ihr Bett war eine polierte Walnussschale, ihre Matratze bestand aus weichen Veilchenblättern, und ihre Decke war ein Rosenblatt, ganz weich und duftend. Tagsüber spielte Däumelinchen auf dem Küchentisch. Sie tanzte auf einem Teller, der mit Wasser gefüllt war — das war ihr See. Ein großes grünes Blatt diente ihr als Schiff. Däumelinchen sang dabei so hell und klar, dass selbst die Schmetterlinge innehielten und lauschten. Sie war glücklich, auch wenn die Welt um sie herum so riesig und sie selbst so winzig war. Ihre Freude war aber genauso groß wie die eines jeden anderen Kindes.

Eines Nachts, als Däumelinchen friedlich in ihrer Walnussschale schlief, kam eine alte Kröte durch das offene Fenster gehüpft. Die Kröte war nicht böse — sie war nur sehr, sehr einsam und suchte jemanden für ihren Sohn. Sie sah Däumelinchen, staunte über das winzige schlafende Mädchen und dachte: Was für ein bezauberndes Wesen. Sie hob Däumelinchen vorsichtig auf, trug sie nach draußen an den Fluss und setzte sie auf ein großes, breites Seerosenblatt, mitten im Wasser. Däumelinchen erwachte und schaute sich staunend um. Das Wasser glitzerte. Glühwürmchen leuchteten am Ufer. Es war wunderschön — auch wenn Däumelinchen ein kleines bisschen Heimweh hatte.

Die kleinen Fische im Fluss hatten Däumelinchen beobachtet. Sie mochten das winzige Mädchen sofort. Die Fische schwammen unter dem Seerosenblatt und knabberten ganz sanft an dem Stiel, bis das Blatt sich löste und mit Däumelinchen den Fluss hinuntertrieb — weit weg von der Kröte, hin in die weite Welt. Däumelinchen streckte ihr Füßchen ins kühle Wasser und lächelte. Ein weißer Schmetterling kam heran und umflatterte sie freundlich. Däumelinchen band ihr Schärpchen um den Schmetterling und hielt das andere Ende fest, und so glitt das Seerosenblatt noch schneller dahin. Alles funkelte. Der Silbenwald leuchtete warm am Ufer entlang.

Das Seerosenblatt trieb schließlich ans Ufer, und Däumelinchen kletterte auf die Wiese. Der Sommer war wunderschön. Däumelinchen baute sich ein kleines Haus aus Grashalmen und Blättern. Sie aß den süßen Tau von den Blüten und trank aus einem Tautropfen. Die Vögel sangen für sie, und die Glühwürmchen beleuchteten ihren kleinen Garten jeden Abend wie winzige Laternen. Däumelinchen war tapfer und findungsreich. Wenn es regnete, rollte sie sich ein großes Kleeblatt als Schirm zusammen. Wenn es kalt wurde, kuschelte sie sich in weiche Wolle, die sie an einem Zaunspalier gefunden hatte. Der Silbenwald flüsterte um sie herum und hielt sie warm.

Als der Herbst kam und die Tage kühler wurden, half Däumelinchen einer kleinen Schwalbe, die sich verletzt hatte und erschöpft auf dem Boden lag. Däumelinchen brachte der Schwalbe jeden Tag etwas zu trinken und wärmte ihren Flügel mit einem weichen Moospolster. Die Schwalbe war so dankbar. Sie schaute Däumelinchen mit ihren sanften Augen an und zwitscherte leise. Und so wurden die beiden gute Freunde — ein winziges Mädchen und ein Vogel, der viel größer war als sie. Manchmal saßen sie zusammen in der Stille des Abends, während die Laternen im Silbenwald angingen, eine nach der anderen, und die Glühwürmchen ihre Kreise zogen.

Als der Winter kam, wurde es sehr kalt. Däumelinchen fand Zuflucht bei einer guten alten Feldmaus, die unter der Erde in einem warmen, gemütlichen Haus lebte. Die Feldmaus war freundlich und großzügig. Sie gab Däumelinchen zu essen und einen warmen Platz zum Schlafen. Doch bald erzählte die Feldmaus von ihrem Nachbarn — einem alten Maulwurf mit einem großen Haus voller Vorräte. Der Maulwurf war ruhig und nett gemeint, aber er mochte die Sonne und die Blumen gar nicht — und Däumelinchen liebte beides über alles. Däumelinchen blieb höflich und dankbar, aber in ihrem Herzen träumte sie von Licht und Wärme.

Tief im Gang des Maulwurfs, wo es still und dunkel war, lag die kleine Schwalbe, Däumelinchens Freundin. Die Schwalbe hatte sich dort in den Winterschlaf zurückgezogen und schlief tief und fest. Däumelinchen schlich jede Nacht leise zu ihr und legte ihr eine Wollflocke als Decke auf. Sie flüsterte: Schlaf gut, liebe Schwalbe, der Frühling kommt bald. Und die Schwalbe schien im Schlaf ein bisschen zu lächeln. Als die langen Winternächte sich dem Ende näherten und Däumelinchen das erste zarte Licht durch eine Erdritze schimmern sah, da wusste sie: Es wird alles gut. Der Frühling vergisst niemanden.

Der Frühling kam, und mit ihm erwachte die Schwalbe. Sie reckte ihre Flügel, schüttelte sich und schaute Däumelinchen strahlend an. Dann öffnete sich ein Spalt in der Erde, und Licht flutete herein. Die Schwalbe hob Däumelinchen sanft auf ihren Rücken und sagte: Ich trage dich dorthin, wo die Sonne immer scheint. Und sie flogen zusammen los — über Wälder, über Wiesen, über Flüsse. Däumelinchen hielt sich am weichen Gefieder fest und sah die Welt von oben: klein und groß zugleich, weit und wunderschön. Der Silbenwald glänzte tief unter ihnen, die Laternen leuchteten, die Glühwürmchen winkten. Däumelinchen lachte vor Freude.

Die Schwalbe brachte Däumelinchen in ein wundervolles Land voller Blüten und Sonnenwärme. Und dort, in der Mitte einer großen weißen Blume, wohnte ein kleiner Blumengeist — so groß wie Däumelinchen, mit sanften Augen und einem Lächeln, das wie Sommermorgen war. Er hieß Oberon, der kleine Blumenprinz. Er streckte Däumelinchen die Hände entgegen und sagte: Ich habe so lange auf jemanden wie dich gewartet. Willst du hier bei uns bleiben? Däumelinchen lächelte mit ihrem ganzen Herzen. Und von diesem Tag an war Däumelinchen nicht mehr allein — sie hatte ihren Ort gefunden, wo sie hingehörte, mitten in der Wärme und im Licht.
Und jetzt eine Geschichte, in der euer Kind die Hauptrolle spielt?
Name, Alter, Lieblingswelt — wir erfinden und vertonen die Geschichte, in der euer Kind der Held ist. Als MP3 für jede Hörbox, für immer.
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