Erste Geschichte gratis

← Alle Geschichten

Die Eule hütet das Schweigen der Nacht – Silbenwald Einschlafgeschichte

11 Minuten Vorlesezeit

Gute Nacht, liebes Kind. Im Silbenwald, wo warme Laternen an alten Bäumen leuchten und Glühwürmchen durch den Nebel tanzen, hütet die Eule jede Nacht das Schweigen des Waldes. Aber heute Nacht ist etwas anders – die Stille ist plötzlich verschwunden.

Beim Abspielen wird das Video von YouTube geladen. Vorher werden keine Daten dorthin übertragen.

Im Silbenwald, wo warme Laternen an alten Eichen hängen und Glühwürmchen wie kleine Sterne durch den Nebel tanzen, beginnt jede Nacht auf dieselbe ruhige Weise. Die Bäume atmen tief durch, die Blätter flüstern ihr letztes Abendlied, und ganz oben, auf dem allerhöchsten Ast der großen Buche, öffnet die Eule langsam ihre goldenen Augen. Die Eule heißt einfach nur Die Eule, denn jedes Tier im Silbenwald weiß: Wenn die Eule wacht, ist die Nacht in guten Händen. Sie streckt ihre grauen Flügel einmal weit aus und dann wieder ein, ganz behutsam, wie eine Umarmung für den ganzen Wald.

Unten am Boden, vor einem runden Erdhügel mit einer kleinen Holztür, schlurfte Balduin der Dachs in seinen Hausschuhen herum. Balduin hatte einen runden Bauch, ein schwarz-weißes Gesicht und immer ein bisschen Erde an der Nase. Er gähnte so laut, dass ein Glühwürmchen erschrocken aufflackerte. Balduin murmelte: Entschuldigung, kleines Licht. Dann schaute Balduin der Dachs zur Eule hinauf und rief leise: Gute Nacht, Eule! Passt du wieder auf uns auf? Die Eule neigte ihren Kopf ein kleines Stück zur Seite und blinzelte einmal langsam. Das bedeutete im Silbenwald: Ja, ich bin da. Schlaf ruhig, Balduin.

Hoch oben in einer Astgabel tanzte Fippa das Eichhörnchen noch aufgeregt hin und her. Fippa hatte ein rotbraunes Fell, einen riesig buschigen Schwanz und immer neugierige Augen. Fippa konnte sich schwer entscheiden, ob sie schon schlafen wollte oder noch ein bisschen die Glühwürmchen zählen sollte. Eins, zwei, drei, vier, fünf, flüsterte Fippa das Eichhörnchen. Dann vergaß Fippa, wo sie aufgehört hatte, und fing wieder von vorne an. Die Eule beobachtete Fippa mit einem kleinen, warmen Blick. Die Eule wusste, dass Fippa bald müde werden würde. Das war immer so.

Aus dem Moos unter dem Holunderbusch streckte Piek der Igel seine Schnauze hervor. Piek hatte hundert kleine Stacheln, die immer ein bisschen leuchteten, wenn ein Glühwürmchen vorbeiflog. Piek der Igel war ein freundlicher, stiller Geselle. Er mochte die Nacht sehr, aber er mochte das Schlafen noch ein kleines bisschen mehr. Piek rollte sich in sein Laubhäufchen und seufzte zufrieden. Die Eule nickte von oben. Gut so, Piek, dachte die Eule. Die Nacht ist weich und warm, und dein Laubhäufchen ist genau der richtige Ort für dich.

Da raschelte etwas im Farngebüsch. Der Fuchs schlich auf leisen Pfoten durch den Silbenwald. Der Fuchs hatte ein rotgoldenes Fell, das im Laternenlicht wie Feuer aussah, und eine weiße Schwanzspitze, die hinter ihm hertanzte. Der Fuchs liebte die Nacht, aber heute wirkte der Fuchs ein bisschen unruhig. Der Fuchs schnupperte in alle Richtungen und schaute sich mehrmals um. Die Eule rief leise: Was ist los, Fuchs? Der Fuchs blieb stehen und flüsterte nach oben: Ich höre es nicht mehr. Die Eule fragte: Was hörst du nicht mehr? Der Fuchs antwortete: Die Stille. Die Stille ist weg.

Die Eule öffnete ihre großen goldenen Augen ein kleines bisschen weiter. Die Stille weg? Das war tatsächlich etwas Ernstes. Denn die Stille im Silbenwald war kein einfaches Schweigen. Sie war ein weiches, warmes Summen, das man nur fühlen konnte, wenn man ganz still wurde. Die Eule lauschte. Wirklich, da war etwas anders. Ein kleines Knistern, ein winziges Zirpen, das nicht dahin gehörte. Die Eule spreizte ihre Federn, horchte mit ihren verborgenen Ohren tief in den Wald hinein und folgte dem Geräusch mit ihrem Blick. Es kam von der alten Waldlichtung, gleich hinter den drei silbernen Birken.

Leise, auf samtweichen Schwingen, flog die Eule zur Waldlichtung hinüber. Unter ihr schliefen schon Fippa das Eichhörnchen und Piek der Igel, eingehüllt in Nebel und Laternenlicht. Balduin der Dachs schnarchte sanft hinter seiner kleinen Holztür. Der Fuchs tapste hinter der Eule her, immer dicht am Waldweg. Auf der Lichtung, mitten im silbernen Mondlicht, saß ein sehr kleiner Maulwurf. Der Maulwurf weinte winzige, leise Tränen, weil er seinen Weg nach Hause vergessen hatte. Und weil der Maulwurf weinte, hatte er aus Versehen das ruhige Summen der Stille unterbrochen. So passiert das manchmal.

Die Eule landete sanft neben dem kleinen Maulwurf. Die Eule legte einen Flügel behutsam um den Maulwurf und sagte mit ihrer ruhigen, tiefen Stimme: Du bist nicht verloren. Du bist im Silbenwald, und im Silbenwald findet jeder seinen Weg nach Hause. Der Fuchs schnupperte kurz an der Luft und sagte: Ich kenne deinen Bau. Er ist gleich dort, hinter der dritten Wurzel. Ich zeige dir den Weg. Der kleine Maulwurf schluckte und nickelte. Und so führte der Fuchs den Maulwurf leise und sicher nach Hause, während die Eule über beiden wachte, hoch oben, ruhig, mit leuchtenden goldenen Augen.

Als der Maulwurf sicher in seinem warmen Bau ankam und die Eule ein leises Knistern hörte, das bedeutete: Danke, gute Nacht, da kehrte auch die Stille zurück. Zuerst ganz leise, wie ein einziger Atemzug. Dann breiter und wärmer, bis der ganze Silbenwald wieder in seinem sanften, summenden Schweigen lag. Der Fuchs streckte sich auf einem Moosbett aus und schloss seine Augen. Die Eule flog zurück auf ihren höchsten Ast. Unter ihr glühten die Laternen wie kleine goldene Monde. Die Glühwürmchen tanzten langsamer, immer langsamer, und der Nebel legte sich weich über die Wurzeln und Wege.

Und nun, liebes Kind, ist der Silbenwald ganz still. Fippa das Eichhörnchen schläft. Piek der Igel schläft. Balduin der Dachs schläft. Der Fuchs schläft. Der Maulwurf schläft. Und die Eule sitzt auf ihrem Ast, breitet ihre Flügel ganz sachte aus und hüllt den Wald in ihre Fürsorge ein. Die Eule wacht. Du kannst jetzt auch schlafen. Die Nacht ist weich. Die Laternen leuchten für dich. Und irgendwo zwischen den Bäumen tanzt ein letztes Glühwürmchen, ganz langsam, ganz leise, und trägt dich sanft in deine Träume.

Und jetzt eine Geschichte, in der euer Kind die Hauptrolle spielt?

Name, Alter, Lieblingswelt — wir erfinden und vertonen die Geschichte, in der euer Kind der Held ist. Als MP3 für jede Hörbox, für immer.

Geschichte wünschen

Noch eine Geschichte?