Die Schneekönigin – Märchen zum Einschlafen
12 Minuten Vorlesezeit
Gerda und Kay sind die allerbesten Freunde — bis Kay eines Wintertages plötzlich verschwunden ist. Gerda macht sich allein auf den weiten Weg, durch Wälder voller leuchtender Laternen, über verschneite Felder und durch fremde Länder. Wird ihre Freundschaft stark genug sein, um Kay zu finden?

In einem Dorf, das ganz nah am Silbenwald lag, lebten zwei Kinder, die die besten Freunde der Welt waren. Das Mädchen hieß Gerda, und der Junge hieß Kay. Ihre Häuser lagen so nah beieinander, dass sie von ihren Dachgärten aus die Hände ausstrecken und sich fast berühren konnten. Zwischen den Blumenkästen wuchsen rote Rosen, und im Sommer dufteten sie so süß, dass die Bienen von weit her kamen. Gerda und Kay saßen oft zusammen und lauschten dem Wind, der leise Lieder durch die Blätter blies. Sie fühlten sich immer sicher, wenn sie beisammen waren.

Eines Winterabends begann es zu schneien. Die Flocken tanzten sanft vom Himmel, und Kay schaute fasziniert hinaus. Plötzlich fühlte er, wie etwas ganz Kleines und Kaltes auf seine Wange fiel — nicht schlimm, nur ein bisschen seltsam, wie ein Kältekitzeln. Ab diesem Abend war Kay ein wenig ruhiger und in sich gekehrt. Er schaute anders auf die Welt, als würde er etwas anderes sehen als vorher. Gerda bemerkte es, aber sie dachte: Vielleicht ist er nur müde. Sie war geduldig und wartete, bis Kay wieder der alte Kay sein würde. Doch das dauerte länger, als sie gedacht hatte.

Als der Winter tiefer wurde, verschwand Kay eines Tages einfach — er war mit dem großen weißen Schlitten der Schneekönigin mitgereist, hinaus über die verschneiten Felder und weit in die Ferne. Die Schneekönigin war keine böse Frau, aber sie wohnte ganz allein in einer riesigen, sehr kalten Welt aus Eis, und manchmal nahm sie Menschen mit, weil sie die Stille nicht mehr aushielt. Kay schlief in ihrem großen Schlitten tief und fest und träumte von Zuhause. Gerda wartete einen ganzen Tag, dann zwei — und als Kay nicht zurückkam, fasste sie einen festen Entschluss: Sie würde ihn suchen gehen.

Gerda zog ihre wärmsten Sachen an — den roten Mantel, den weißen Schal, die grünen Fäustlinge — und lief zum Fluss. Sie dachte, der Fluss würde ihr vielleicht helfen, Kay zu finden. Sie setzte sich in ein kleines Boot und flüsterte: 'Fluss, bitte bring mich zu Kay.' Und tatsächlich begann das Boot ganz sachte zu gleiten. Die Ufer zogen vorbei, Weiden neigten ihre Äste herunter wie freundliche Arme. Glühwürmchen leuchteten zwischen den Wurzeln der Bäume, als wollten sie Gerda den Weg zeigen. Das Herz des Mädchens war mutig und warm, auch wenn die Luft kühl war.

Das Boot trug Gerda zu einem kleinen Haus am Ufer, umgeben von einem wunderschönen Garten voller bunter Blumen — sogar mitten im Winter. Dort wohnte eine freundliche alte Frau mit einem großen Sonnenhut. Die Frau liebte Gerda auf Anhieb und lud sie ein, eine Weile zu bleiben. Sie gab ihr warme Suppe und ein weiches Bett. Aber sie vergaß — ganz ohne Absicht — Gerda zu erzählen, dass das Mädchen einen Freund suchte. So blieb Gerda eine ganze Weile im Garten, spielte zwischen den Blumen und schlief gut. Doch eines Tages sah Gerda eine Rose, und da erinnerte sie sich blitzschnell an Kay.

Gerda verabschiedete sich herzlich von der alten Frau und lief weiter. Im Silbenwald — mit seinen sanft leuchtenden Laternen an den Bäumen und den Glühwürmchen, die auch im Herbst noch funkelten — traf sie eine Krähe. Die Krähe sprach mit Gerda in einer freundlichen, ein bisschen krächzenden Stimme und erzählte ihr von einem Prinzen und einer Prinzessin, die vielleicht Kay kennen könnten. Gerda lief mit der Krähe durch den Silbenwald, immer den warmen Lichtern der Laternen entlang, bis sie zu einem schönen Schloss kamen, das mitten im Wald stand und in ruhigem, goldenem Schein erstrahlte.

Im Schloss wohnten ein freundlicher Prinz und eine kluge Prinzessin. Sie empfingen Gerda mit Wärme und hörten ihrer Geschichte aufmerksam zu. Aber der Prinz war nicht Kay — er sah nur ein bisschen ähnlich aus. Die Prinzessin schenkte Gerda einen warmen Mantel, einen Muff aus weichem Fell und eine goldene Kutsche, damit Gerda die lange Reise weiter fortsetzen konnte. 'Geh mutig weiter', sagte die Prinzessin, 'deine Liebe zu Kay ist das Stärkste, was du hast.' Gerda dankte ihr von Herzen, stieg in die Kutsche und rollte weiter in die weite Welt — die Laternen des Silbenwalds leuchteten ihr noch lange nach.

Die goldene Kutsche fuhr durch Wälder und über Hügel. Bald traf Gerda eine kleine Räubertochter mit wilden Locken und einem breiten Grinsen. Sie war furchtlos und direkt, aber im Grunde sehr gutherzig. Als die Räubertochter Gerdas Geschichte hörte, bekam ihr Grinsen eine weiche Stelle. Sie gab Gerda ihr Rentier Bae, damit Gerda schnell nach Norden reiten konnte — dorthin, wo das Eis zu Hause war und wo Kay sein musste. 'Reit schnell und reit mutig', rief die Räubertochter ihr nach und winkte mit der ganzen Hand. Gerda nickte, hielt sich fest an Baes weichem Fell und ritt los.

Bae das Rentier trug Gerda durch die verschneite Landschaft bis zu einer kleinen, warmen Hütte, wo eine weise Frau lebte. Die weise Frau hörte aufmerksam zu und schrieb dann ein paar Worte auf ein Stück Holz — als Brief für eine andere weise Frau weiter im Norden, die Gerda den letzten Weg zeigen konnte. Gerda ritt weiter, bis die Welt ganz weiß und weit wurde. Aber Gerda hatte keine Angst. In ihrem Herzen brannte ein kleines, warmes Licht — ihre Erinnerung an Kay, an die Rosen auf dem Dachgarten, an den Duft des Sommers. Das Licht machte sie warm, auch in der Kälte.

Schließlich fand Gerda den großen, stillen Eispalast. Und dort saß Kay — ein bisschen starr und ein bisschen kalt, aber lebendig. Als Gerda seine Hand nahm und seinen Namen rief, kullerten ihr Tränen über die Wangen — warme Tränen, die auf Kay fielen. Und wie durch ein Wunder wurde Kay wieder wärmer, weicher, lebendiger. Er blinzelte, schaute Gerda an und lächelte sein altes Lächeln. 'Gerda', sagte er einfach. Sie umarmten sich fest. Die Schneekönigin sah das, neigte leise den Kopf und ließ die beiden ziehen — denn selbst sie konnte spüren, dass echte Freundschaft wärmer ist als jedes Eis. Gerda und Kay ritten auf Bae nach Hause, durch den Silbenwald, vorbei an all den leuchtenden Laternen. Zuhause blühten die Rosen. Und die beiden Freunde wussten: Liebe findet immer den Weg.
Und jetzt eine Geschichte, in der euer Kind die Hauptrolle spielt?
Name, Alter, Lieblingswelt — wir erfinden und vertonen die Geschichte, in der euer Kind der Held ist. Als MP3 für jede Hörbox, für immer.
Geschichte wünschen

