Fippa das Eichhörnchen versteckt ihre letzte Nuss
11 Minuten Vorlesezeit
Fippa das Eichhörnchen hat den ganzen Herbst Nüsse gesammelt – aber eine einzige, allerletzte Nuss hat Fippa noch nicht versteckt. Heute Nacht ist es so weit. Wo im großen, warmen Silbenwald gehört sie hin?

Es war ein Abend wie aus Honig gegossen, so still und golden, im Silbenwald. Die Glühwürmchen zündeten ihre winzigen Laternen an, eine nach der anderen, und zwischen den alten Eichen hingen die warmen Laternen der Waldbewohner und warfen weiche Kreise aus Licht auf das Moos. Ein leiser Nebel kroch über den Waldboden, so zart wie ein Atemzug. Und mittendrin saß Fippa das Eichhörnchen auf ihrem Lieblingsast, hoch oben in der großen Rotbuche, und hielt etwas ganz fest in ihren kleinen Pfoten: die allerletzte Nuss des Jahres.

Die letzte Nuss. Fippa drehte sie hin und her. Sie war rund und glatt und roch nach Erde und Herbst. Den ganzen langen Herbst hatte Fippa das Eichhörnchen Nüsse gesammelt und versteckt: unter Wurzeln, unter Steinen, in hohlen Ästen. Aber diese hier – diese eine – hatte Fippa noch nicht vergraben. Immer wieder hatte Fippa gedacht: vielleicht noch eine bessere Stelle. Vielleicht dort. Oder dort. Und nun war der Abend gekommen, und Fippa wusste: Heute Nacht muss ich sie verstecken. Heute ist der richtige Moment.

Fippa kletterte den Stamm hinunter, Pfote für Pfote, und hüpfte auf den weichen Waldboden. Das Moos federte unter ihren Füßen. Die Glühwürmchen tanzten um sie herum, als würden sie ihr den Weg zeigen wollen. Fippa lief zuerst zur großen alten Fichte am Rand der Lichtung. Fippa scharrte ein bisschen in der Erde. Nein. Zu nah am Weg. Dann lief Fippa zum moosigen Stein beim kleinen Bach. Fippa schnupperte. Nein. Zu feucht. Fippa seufzte und hielt die Nuss noch fester. Irgendwo im Silbenwald gab es die perfekte Stelle – Fippa konnte sie fast schon fühlen.

Auf dem Weg traf Fippa das Eichhörnchen den alten Balduin den Dachs. Balduin saß vor seinem Erdbau und aß gemütlich sein Abendessen: eine Handvoll Beeren und zwei dicke Würmer. Balduin hatte ein breites, freundliches Gesicht mit dem weißen Streifen über die Nase, und er blinzelte Fippa schläfrig an. Balduin brummte: Fippa, was treibst du denn noch so spät im Silbenwald? Fippa zeigte Balduin die Nuss. Balduin schaute. Balduin dachte nach. Dann sagte Balduin langsam und bedächtig: Ich würde sie dort verstecken, wo du morgen früh als Erstes hinschaust. Fippa nickte. Das war ein guter Rat von Balduin.

Fippa lief weiter durch den Silbenwald. Zwischen den Wurzeln einer alten Eiche entdeckte Fippa das Eichhörnchen den kleinen Piek den Igel. Piek rollte sich gerade halb zusammen, denn Piek war müde und wollte schlafen. Aber als Piek Fippa sah, rollte Piek sich wieder auf und streckte seine winzige Nase in die Luft. Piek piepste: Fippa! Ich rieche was Schönes! Fippa zeigte Piek die Nuss. Piek schnupperte sehr ernsthaft daran. Dann sagte Piek: Diese Nuss riecht nach Frühling. Die gehört tief in die Erde, damit sie träumen kann. Fippa lächelte. Piek war klein, aber Piek sagte manchmal sehr weise Dinge.

Fippa das Eichhörnchen wanderte tiefer in den Silbenwald hinein. Jetzt war es sehr still. Nur das leise Knistern der Blätter und das ferne Rauschen des Baches waren noch zu hören. Die Glühwürmchen leuchteten wie kleine Sterne, die sich in den Wald verirrt hatten. Und dann – hoch oben in einer uralten Esche – sah Fippa zwei große goldene Augen. Es war die Eule. Die Eule saß dort wie immer, rund und ruhig, das Gefieder aufgeplustert gegen den kühlen Abend. Die Eule drehte den Kopf zu Fippa. Die Eule fragte: Was suchst du, kleines Eichhörnchen, wenn der Silbenwald schon schläft?

Fippa erklärte der Eule alles: die letzte Nuss, die vielen Stellen, die nicht stimmten, den Rat von Balduin, die Worte von Piek. Die Eule hörte zu und blinzelte einmal, zweimal. Dann sagte die Eule sehr leise: Fippa, manchmal findet man die richtige Stelle nicht, indem man sucht. Manchmal muss man einfach stehen bleiben und fühlen, wo es sich richtig anfühlt. Fippa das Eichhörnchen stand still. Fippa hielt die Augen halb geschlossen. Und da, genau da, in diesem Moment, spürte Fippa etwas – ein warmes, weiches Ziehen in der Brust. Fippa wusste plötzlich, wohin die Nuss gehörte.

Fippa lief. Fippa wusste genau wohin. Am Rande der kleinen Lichtung, genau dort, wo die Glühwürmchen am hellsten leuchteten, stand ein junger Haselnussstrauch. Seine Äste waren dünn und zitterten ein bisschen im Abendwind. Fippa kniete sich hin. Fippa scharrte mit den Pfoten die weiche Erde beiseite: einmal, zweimal, dreimal. Da war ein kleines tiefes Loch. Und dann legte Fippa das Eichhörnchen die Nuss ganz behutsam hinein. Fippa schob die Erde zurück, ganz sanft, wie eine Decke, die man über jemanden legt, der schläft. Und der Silbenwald atmete tief und ruhig um Fippa herum.

Da, aus dem Schatten zwischen den Wurzeln, trat auf einmal der Fuchs. Der Fuchs hatte ein leuchtendes rotes Fell und einen buschigen Schwanz mit weißer Spitze. Der Fuchs bewegte sich sehr leise, wie er das immer tat. Der Fuchs setzte sich neben Fippa und schaute auf die Stelle, wo die Nuss lag. Der Fuchs flüsterte: Du hast eine gute Stelle gefunden, Fippa. Der Fuchs schaute hoch in den Himmel des Silbenwalds, wo die ersten Sterne erschienen. Dann sagte der Fuchs noch leiser: Vielleicht wächst dort im Frühling ein neuer Baum. Fippa und der Fuchs saßen gemeinsam in der Stille, und der Silbenwald glänzte sanft um sie herum.

Irgendwann später, als die Glühwürmchen langsam ihre Lichter dimmten, kletterte Fippa das Eichhörnchen zurück in ihre Rotbuche. Die Äste hielten Fippa sanft. Das Moos in Fippas Nest war weich wie eine Wolke. Fippa rollte sich zusammen, der große buschige Schwanz legte sich wie eine Decke über Fippas Rücken. Irgendwo tief unten, in der dunklen Erde, schlief die Nuss. Irgendwo im Silbenwald schliefen Balduin und Piek. Die Eule träumte mit offenen Augen. Der Fuchs verschwand lautlos im Nebel. Und der Silbenwald, der gute alte Silbenwald, hüllte alle zusammen ein – in Stille, in Wärme, in sanftes, leises Licht.
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