Piek der Igel rollt sich in den ersten Schnee – Silbenwald Einschlafgeschichte
11 Minuten Vorlesezeit
Piek der Igel sitzt vor seinem Bau im Silbenwald und schnuppert in die Luft — und dann fällt das erste Schneeflocken. In dieser ruhigen Einschlafgeschichte erlebt Piek gemeinsam mit Fippa dem Eichhörnchen, Balduin dem Dachs, der Eule und mir, Dem Fuchs, den ersten Winterabend.

Der Silbenwald lag still an diesem Abend, ganz still. Zwischen den alten Eichen hingen kleine Laternen wie goldene Früchte, und ihr warmes Licht fiel weich auf den Waldboden. Ein zarter Nebel strich durch die Wurzeln, so sanft wie ein Atemzug. Die Glühwürmchen tanzten in kleinen Kreisen, als würden sie flüstern: Heute passiert etwas Besonderes. Und tatsächlich — in der Luft lag etwas, das noch keinen Namen hatte. Etwas Kaltes, etwas Leises, etwas ganz und gar Wunderbares. Ich, Der Fuchs, hielt inne auf meinem Pfad und hob die Schnauze. Ich wusste es sofort: Die erste Winternacht des Jahres war gekommen.

Ganz am Rand des Silbenwalds, dort wo die Haselnusssträucher am dichtesten wachsen, lebte Piek der Igel in einem kleinen Bau unter einer knorrigen Wurzel. Piek hatte seinen Bau den ganzen Herbst lang mit Blättern ausgepolstert — roten, orangen, goldenen Blättern — und er hatte Beeren gesammelt und Pilze getrocknet und sich auf die große Winterruhe vorbereitet. Aber heute Abend saß Piek noch draußen vor seinem Bau, das schöne grüne Schälchen seines Schals ums Hälschen geschlungen, und schnupperte in die Luft. Etwas roch anders als sonst. Frischer. Klarer. Fast wie nichts — und doch nach allem.

Dann sah Piek es. Das erste weiße Flöckchen. Es fiel langsam, langsam, so als hätte es alle Zeit der Welt. Piek streckte seinen kleinen Rüssel in die Höhe und blinzelte. Das Flöckchen landete genau auf einer seiner Stacheln — und schmolz sofort, wie ein kleiner heimlicher Kuss. Piek hielt den Atem an. Dann fiel noch ein Flöckchen. Und noch eines. Und bald tanzten hundert kleine weiße Sternchen durch das Licht der Laternen im Silbenwald. Piek staunte so sehr, dass er seinen Mund offenstehen ließ. Schnee! Der echte, der erste, der wunderschöne erste Schnee des Jahres war da.

Fippa das Eichhörnchen kam als Erste herbeigehüpft, den buschigen Schwanz hoch erhoben. Fippa wohnte in einer großen Linde gleich um die Ecke und hatte das Schneeflocken-Tanzen aus ihrem Fenster gesehen. Fippa rief: Piek, Piek, Piek! Hast du den Schnee gesehen? Piek nickte, immer noch mit offenem Mund. Fippa setzte sich neben ihn und beide schauten gemeinsam in die Höhe, während die weißen Flocken auf ihre Nasen fielen. Das Glühwürmchenlicht der Laternen machte jeden Flocken zu einem kleinen Funken. Fippa flüsterte: Ich glaube, der Silbenwald träumt gerade. Und Piek dachte: Ja. Genau das.

Dann tappte Balduin der Dachs heran. Balduin war groß und gemütlich und trug wie immer seine breiten Pfoten etwas schläfrig. Balduin gähnte einmal laut und schaute dann doch überrascht in den Schnee. Balduin sprach mit tiefer, brummiger Stimme: Na so was. Erster Schnee. Dann ist es bald Zeit. Piek fragte: Zeit für was, Balduin? Und Balduin lächelte so ruhig, wie nur Dachse lächeln können. Balduin antwortete: Zeit zum Schlafen, kleiner Piek. Die längste Nacht kommt. Der Wald wird sich zudecken. Und wir dürfen das auch. Piek schaute an sich herunter auf seinen kleinen runden Bauch. Ja, dachte Piek. Vielleicht stimmt das.

Hoch oben auf einem alten Ast saß die Eule und schaute mit ihren großen runden Augen auf die kleine Gruppe hinunter. Die Eule rief leise — nicht ihren lauten Schrei, sondern ein weiches, rundes Ruf-Summen, das klang wie: Huuu-huuu. Das klang so beruhigend, dass Fippa das Eichhörnchen anfing, langsamer zu atmen. Und Balduin der Dachs blinzelte schwer. Und Piek — Piek fühlte, wie eine große Wärme in seinen Bauch stieg, obwohl draußen der Schnee fiel. Die Eule beobachtete alles, und die Eule passte auf. Das tat sie jede Nacht. Piek war froh, dass die Eule da oben saß.

Ich, Der Fuchs, trat jetzt leise in die Lichtung. Die anderen sahen mich an, und ich setzte mich neben Piek in den Schnee. Der Schnee war noch nicht tief — gerade so viel, dass er den Waldboden weich aussehen ließ wie eine Decke aus Watte. Ich sagte zu Piek: Weißt du, was der Schnee macht, wenn du schläfst? Piek schüttelte den Kopf. Ich sprach: Er legt sich ganz leise über alles. Über die Wurzeln, über die Steine, über deinen kleinen Bau. Und dann ist es warm darunter. Wie in einer Umarmung. Piek dachte darüber nach und rollte dabei ganz leicht seinen Körper zusammen — fast schon, fast.

Fippa das Eichhörnchen verabschiedete sich als Erste. Fippa sagte leise: Gute Nacht, Piek. Gute Nacht, alle miteinander. Dann flitzte Fippa die Linde hinauf und verschwand in ihrem warmen Baumhaus. Balduin der Dachs gähnte noch einmal, so tief, dass es fast wie ein Lied klang. Balduin murmelte: Bis zum Frühling, Freunde. Und tappte, immer langsamer, zurück zu seinem Bau. Die Eule oben schwieg jetzt ganz. Nur ihre Augen glänzten noch durch den Schnee. Der Silbenwald wurde stiller und stiller. Die Laternen brannten ruhiger, als würden auch sie schon ein bisschen schlafen wollen.

Piek stand nun allein vor seinem Bau. Ich, Der Fuchs, blieb noch einen Moment still daneben. Der Schnee hatte sich ein kleines bisschen angesammelt — auf den Stacheln von Piek, auf dem grünen Schälchen seines Schals, auf den Blättern am Eingang seines Baus. Piek schaute lange in die Stille. Dann drehte Piek sich um und kroch ganz langsam in seinen weichen Blätter-Bau hinein. Piek scharrte einmal, zweimal mit den Pfoten, drückte sich in die Mitte seines weichen Laubbettes. Und dann begann Piek, sich einzurollen. Ganz langsam, von den Stacheln her, bis er eine kleine runde Kugel war.

Und so lag Piek der Igel, eingerollt und warm, in seinem Bau aus Blättern tief im Silbenwald. Der Schnee fiel draußen weiter, ganz leise, ganz leise. Die Laternen leuchteten nur noch ein kleines, sanftes Glimmen. Die Glühwürmchen schliefen schon. Der Nebel legte sich wie eine weiche Decke über den Wald. Und Piek atmete — einmal tief ein, einmal tief aus. Einmal ein. Einmal aus. Die Eule hielt Wacht. Der Silbenwald träumte. Und alles war gut, alles war warm, alles war still.
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